Respect, Empower, Include! Obama und transformationale Führung

 

Was denken Sie, wenn Sie den Namen Barack Obama hören? Ja, da ist was nicht gut gelaufen, bei den letzten Congress-Wahlen Anfang November 2010.  

 

Aber, vergessen wir nicht, Obama selbst stand nicht zur Wahl, seine Möglichkeiten in hunderte einzelner Wahlkämpfe der vielen direkt gewählten Abgeordneten und Senatoren einzugreifen, waren gering.  

Und vergessen wir nicht, was Obama und seine Campaign for Change im November 2008 geschafft haben mit der Wahl zum 44. Präsidenten der USA: Die Mobilisierung einer Wahlkampfmaschine, die es so noch niemals zuvor gab. Geschätzte sechs Millionen US-Bürger in Amerika und in der ganzen Welt opferten ihre Freizeit, stellten ihre Wohnzimmer, Garagen, Telefone, Küchen zur Verfügung. Sie organisierten private Call-Center, Kuchenverkäufe, Tür-Klopf-Aktionen. Sie stellten sich als Ordner für Großveranstaltungen zur Verfügung, schrieben unzählige Briefe, Meldungen, Spendenaufrufe und.... spendeten Geld. 650 Millionen US-Dollar. Die Hälfte davon in Einzelbeträgen von weniger als 200 Dollar je Spende.  

Wie hat Obama das gemacht? Wie hat er all diese Menschen – die lediglich das Bedürfnis nach Veränderung einte – als Freiwillige unter seiner Fahne versammelt und dazu gebracht, mit ihm an einem Strang zu ziehen?  

Authentic and Transformational Leadership  

Wie jede große politische Kampagne in den Vereinigten Staaten verfügte auch die Barack Obama Campaign for Change über detailliertes Wissen über das Wahlverhalten aller registrierten Wähler, die jeden deutschen Datenschutzbeauftragten in Alarmzustand versetzen dürfte. Der zielführende Umgang mit diesen Daten setzt inspiriertes Data Mining und gutes Management voraus. In der Wirtschaft begegnen wir Professionalität in allen Bereichen, so auch hier.  

Bleibt die Frage der Führung. Und meine Frage: Wie führen Sie? Oder: Wie sieht Führung in Ihrem Unternehmen aus?  

Die Lernpsychologie weiß, dass wir am besten lernen, wenn wir emotional beteiligt sind. Wenn uns die Arbeit Spaß macht, erreichen wir die besten Resultate. Kreativität ohne geeignete Rahmenbedingungen verdient ihren Namen nicht.  

Die intrinsische Motivation der allermeisten Freiwilligen war das einigende Bedürfnis nach Veränderung des politischen Klimas, der politischen Verfahren und der Regierung ganz allgemein. „We were fed up with Bush!“ - „Wir hatten die Schnauze voll von der Politik eines George W. Bush und seiner Kumpanen“.  

Zentrales Merkmal einer repräsentativen Demokratie ist die Zugehörigkeit aller Wähler und Repräsentanten zu ein und demselben System. Der Einfluss jedes einzelnen Wählers mag gering sein. Trotzdem entscheidet der Wähler, ob er sich mit dem Akt des Wählens begnügt und seinen Einfluss nur am Wahltag geltend macht. Oder er nutzt die Möglichkeiten seiner sozialen Netzwerke – sei es in der Familie, der Nachbarschaft, dem Freundeskreis oder in seinem beruflichen Umfeld – um gestaltend einzugreifen, indem er Verbündete für ein politisches Anliegen sucht und mobilisiert.  

So entstand die Workforce. Obama hat es verstanden, sich an die Spitze dieser Workforce zu stellen und zu führen. Was überrascht ist die Schlichtheit der Prinzipien seiner Führung. Seine Campaign Organizing Prinziples bestehen aus drei Imperativen:

 

Respect! Empower! Include!  

 

Das „Include!“ richtet sich direkt an die große Menge der Menschen, die sich für eine Veränderung der politischen Realität einsetzen wollen.

Lehnen Sie sich kurz zurück und überlegen Sie. Wann dachten Sie zum letzten Mal, was Sie in Ihrer Abteilung, Firma, Organisation ändern wollten? Oder Ihre Mitarbeiter etwas ändern wollten? Wie willkommen waren die Änderungsvorschläge?  

Obama’s „Include!“ ist an keine Bedingungen geknüpft. Wenn der Freiwillige sich unter seine Flagge stellen möchte, dann ist er willkommen und darf sich einbringen – so wie er oder sie es eben kann. „Sie sind nicht gut zu Fuß? Kein Problem, können Sie telefonieren? Oder Kuchen backen? Oder am Empfang sitzen?“ Die Campaign findet die Aufgabe für den Freiwilligen.  

„Empower!“ – es ist viel geschrieben worden über Obama und das Web 2.0. Über den Austausch mit den Gründern von Google, Facebook, etc... Die technische Infrastruktur war natürlich von elementarer Bedeutung. Und dennoch bedeutet „Empower!“ mehr, als nur eine sexy Technik zur Verfügung zu stellen. „Empower!“ bedeutet Freiräume gewähren. Ziel der Campaign war es, jedem einzelnen die Möglichkeit zu geben, die ihm wichtigen Themen auf die ihm geeignete Form für das gemeinsame Ziel in die Tat umzusetzen. Obama hatte das Vertrauen, dass die Leute dann am überzeugendsten für die große Sache kämpfen würden, wenn sie de facto als Anwälte ihrer eigenen Anliegen auftreten können. Wenn mein Thema die Außenpolitik ist, wird mir keiner der Organisatoren aufzwängen, ab sofort für die Gesundheitspolitik zu glühen!  

Noch mal die Frage an Sie: Wie sah die Unterstützung aus, die Sie oder Ihre Kollegen erhalten haben, als es darum ging, Verbesserungsvorschläge zu diskutieren, zu prüfen und in die Tat umzusetzen?  

Der wichtigste Imperativ lautet „Respect!“. Er spiegelt sich in den beiden anderen Begriffen „Include!“ und „Empower!“ wieder. Das Anliegen des Anderen ist wichtig. Auch wenn ich es nicht gleich verstehe oder gar meinen Interessen widerspricht. Der Freiwillige teilt seine Zeit und seine Energie für das große Anliegen, weil er persönliche Bedürfnisse hat. Diese gilt es grundsätzlich zu respektieren.  

Wie sieht es mit dem Respekt in Ihrer Organisation aus? Wie mit der Kritikfähigkeit? Nörgeln Sie noch oder loben Sie schon?  

Stichwort Konfliktkultur: Besonders beeindruckend war das Credo in der Führung der Field Organizer, die vor Ort die Arbeit der Freiwilligen koordinieren: Auch der Parteigänger der anderen Seite verdient unseren Respekt! Auch wenn dessen Beweggründe und Argumente aus der eigenen Warte nicht nachvollzogen werden können. Er hat das Recht auf seine eigene Meinung. Und für den politischen Prozess ist die Meinung von allen gleichberechtigt legitim und wertvoll. Natürlich spielt dabei auch das Kalkül eine wichtige Rolle, dass man sich eher mit der Meinung eines Menschen auseinandersetzt, der einem respektvoll begegnet als mit der Keule. Wer weiß, was passiert, sollte der Unterstützer des politischen Gegners mal mit Zweifeln hadern?  

Obama ging es in seinem Wahlkampf um den politischen Prozess. „It’s not about me, it’s about you!“ Nur weil eine politische Idee eine Mehrheit von 51% erhält, muss sie noch lange nicht zwangsläufig gut sein. Louis Brandeis, Verfassungsrichter am US Supreme Court im frühen 20. Jahrhundert, erklärte, das wichtigste Amt einer Demokratie sei das des Wählers. Wenn der Wähler nicht artikuliert, was ihm wichtig ist, kann die Demokratie auch keine guten Ergebnisse erzielen. Partizipation ist somit zentrales Funktionsmerkmal. Partizipation funktioniert besonders dann, wenn die individuellen Beiträge willkommen sind und honoriert werden, also mit Wertschätzung behandelt werden. Mit seinen Prinzipien „Respect!“, „Empower!“ und „Include!“ liefert er ein eindrucksvolles Beispiel für authentisches Führen, das von Millionen von Freiwilligen verstanden und akzeptiert wurde.  

Der Führungsstil ist mehr als nur „authentisch“. Obamas Führung ist gerade wegen der zentralen Bedeutung von Respekt und Wertschätzung begleitet von der bedingungslosen Einladung zur Partizipation vor allem auch ein Beispiel für transformationale Führung.  

Anders als das „wenn Du – dann ich“ der transaktionalen Führungsstile betont Obama die Wertschätzung für die vielen individuellen Beiträge. Indem er den Raum schafft, in dem sich seine (sechs Millionen) Freiwilligen frei entfalten dürfen und Beiträge willkommen heißt, bekennt er sich zur transformationalen Führung. Obama bot ein Betätigungsfeld, das den emotionalen Bedürfnissen gerecht wurde. Hier ließ sich der Frust im Angesicht einer empfundenen Arroganz der Macht in eine Lösung kanalisieren und in produktives und positives Handeln umsetzen.  

Gleichzeitig bot die Kampagne keine Spielwiese der Beliebigkeit für ein „Panta Rei“ oder „anything goes“. Die Kampagne verfolgte ein ganz klar definiertes und ausgesprochenes Ziel: Barack Obama am 4. November 2008 zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten zu wählen. Die Wege und Mittel waren den Wahlkämpfern freigestellt, das Ziel war deutlich formuliert und zu keinem Zeitpunkt Gegenstand einer Diskussion. An keiner Stelle der Organisation und auf keiner Hierarchieebene.  

Und wie steht es in Ihrem Unternehmen um Respect!, Empower! und Include!? Ob Impulsvortrag, Moderation, Teamentwicklung oder Coaching, gerne unterstütze ich Sie bei Ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema Führung in Ihrem Unternehmen.

 

Robert C. Summers ist US-Bürger und gebürtiger Münchner. Als Field Organizer der Barack Obama Campaign for Change engagierte er sich im Präsidentschaftswahlkampf 2008 in München, Berlin und vor allem in Cape Coral, Florida, wo er seit 1988 als Wähler registriert ist. Unter dem Motto „Speak your Mind!“ bearbeitet der Business Coach, Trainer und Speaker Fragestellungen rund um die Themen Führung, Kommunikation, Konfliktmanagement und ist vor allem im süddeutschen Raum unterwegs.

robert.c.summers@drblaschka-consulting.de